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Die Erbsünde dürfte zu den unsympathischsten Lehren des Christentums gehören. In Gemeinden würde man ihr zwar kaum widersprechen, aber sie wird auch selten gepredigt. Und doch wäre ihr Verlust groß - für die Kirche wie für die Gesellschaft, aber dazu später mehr…
Die Erbsünde ist eine echte Sünde, d.h. es geht um wirkliche Schuld. Aber, und das ist das Anstößige, es ist eine Schuld, die man erbt. Man wird also nicht durch die erste bewusste Sünde schuldig, sondern die erste bewusste Sünde ist bereits eine Folge der geerbten sündigen Natur des Menschen. Die Schuld ist also mit dem Wesen des Menschen aufs Engste verwoben und nicht erst Folge eines persönlichen Pechs oder schlechter Prägung. Jeder Mensch bringt die Schuld schon mit auf die Welt.
Das Gegenmodell ist die Vorstellung vom “an sich” guten Menschen. D.h. schuldig wird der Mensch erst durch eine bewusste Wahl der schlechten Handlung, und auch dann ist nicht der Mensch gut oder schlecht, sondern nur seine Taten. Da er eigentlich alles zum moralisch guten Leben mit auf die Welt gebracht hat, liegt der eigentliche Grund für seine Schlechtigkeit in seiner Außenwelt.
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An dieser Stelle sind sich übrigens Christentum und Buddhismus ähnlicher als Christentum und Islam! Auch im Buddhismus ist der Mensch verdient in seinen Schlamassel geraten. Im Gegensatz zum Christentum kann man hier aber nicht im gleichen Sinn von “Schuld” sprechen wie im Christentum, weil “gutes” und “schlechtes” Verhalten nicht von Gott gerichtet wird, sondern eben bestimmte Konsequenzen im nächsten Leben hat. Der Islam kennt m.W. keine Erbsündenlehre und ähnelt darin dem liberalen Menschen. Beide leben in dem Bewusstsein, eigentlich gute Menschen zu sein, die nur Opfer der verderbten politischen Umstände sind.
Die Folgen der beiden Sündenbegriffe zeigt sich nun deutlich, wenn man beobachtet, wie in den verschiedenen Religionen das Heil gesucht wird. Im Islam besteht das Heil vor allem im Praktizieren verschiedener Bekenntnisse und einem Leben aus zahllosen Verhaltensvorschriften. Die Hinwendung zum Islam ist also zu allererst eine Hinwendung zu einem äußeren Lebensstil. Das Böse sitzt nicht im Herzen sondern kommt von außen über unsere Gedanken in unsere Taten. Deswegen ist ein Muslim sehr viel mehr als ein Christ an politischen Veränderungen und einer Gesellschaft interessiert, in der die eigene Weltanschauung regiert - obwohl wir uns darüber natürlich auch freuen würden :-) Der Islam ist eine zutiefst politische Religion.
Denn das Böse wird außerhalb des Menschen bekämpft, dort, wo es auch herkommt. Auch die politische Linke bekämpft das Böse nicht im Herzen des Menschen, sondern in den Umständen. Daher kommt auch hier das auffällige Interesse an Politik, an Revolutionen und an Aktionenn, die die ganze Gesellschaft verändern sollen. Denn dort, in der Gesellschaft, sitzt das Böse. Auch liberale Theologen sprechen nicht gerne von persönlicher, individueller Sünde, sondern halten Sünde für eine strukturelle Größe ("strukturelle Sünde Patriarchat").
Der Buddhismus hingegen zielt auf die Veränderung der Gedanken und Wahrnehmungen. Wirkliche Schuld gibt es für ihn aber nicht. Nur gutes und schlechtes Karma. Die Welt ist für ihn ein Gedanke, und sie wird auch dort, in den Gedanken verändert.
Das Christentum hingegen kennt wirkliche Schuld, für die man sich schämen muss (Interessanterweise zeigt der Zusammenhang von Scham und Schuld, dass eine böse Tat etwas bereist Vorhandenes entblößt, also eine Bosheit, die schon vor der Tat vorlag). Auch im Christentum liegt das Hauptaugenmerk auf dem Innenleben. Die Bosheit kommt aus dem Herzen und das Problem des Menschen muss daher dort gelöst werden.
Sieht man den Menschen nun als Opfer seiner Umstände, klingt das zwar charmant, aber es führt auch dazu, dass man den Menschen als abhängig betrachtet und ihn dazu bringt, sich selbst als abhängig zu fühlen. Die direkte Folge davon ist ein Menschenschlag von Nörglern, die keine Schuld bei sich sehen sondern immer nur über andere meckern. Die langfristig gefährlichere Folge ist aber die Abhängigkeit von der Hilfe der Gesellschaft. Wenn man einmal anfängt, den Menschen als Opfer widriger politischer Umstände zu sehen, kommt man nicht umhin, sein Heil von deren Veränderung zu erhoffen. Die Gesellschaft ist für das Glück des Einzelnen verantwortlich - und der Einzelne empfindet das dann ganz genau so. So wie in der Phase der geistigen Emanzipation der Mensch die Unzufriedenheit und Selbstgefälligkeit lernte, so lernt er nun, alles Glück von anderen zu erwarten. Aber er zahlt dafür einen hohen Preis, denn die Gesellschaft wird nun Teil seines Lebens, denn nur dort, wo sie es wird, kann sie ihm helfen. Er muss Kontakt zur Öffentlichkeit halten und bereit sein, politisches Leben höher zu achten, als sein privates Leben. Denn alles Private muss ihm suspekt sein. Das Private vergährt nur gesellschaftliches Unrecht und kann nicht von der heilenden Hand einer verbesserten Politik erreicht werden. Wer das Private liebt, hält an dem Elend fest und gilt als Teil des Problems.
Die Unterscheidung zwischen Privatem und Öffentlichen Raum spielt daher typischerweise im Christentum eine wichtige Rolle, denn hier wird dem Individuum der Raum zugestanden, in dem er mit Gott ins Reine kommen kann. Die bedeutendeste Entscheidung im Leben eines Christen, die gewaltigste Veränderung, spielt sich nicht in der Politik ab, sondern in seinem privaten Leben.
Linke Politik muss immer ein Kampf gegen das Private sein, in der Wirtschaft wie auch im alltäglichen Leben.
Wie man sieht, hat das Sündenverständnis einer Kultur weitreichende Konsequenzen, über die man sich tunlichst nicht von voreiliger Zustimmung oder Ablehnung hinwegtäuschen lassen sollte.
Was an dieser Stelle allerdings noch fehlt, ist die Abgrenzung zum Buddhismus.