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Calvinjahr 2009? Völlig uncalvinistisch!

29.05.09

Calvinjahr 2009? Völlig uncalvinistisch!

Es ist mir schon ganz peinlich, dass ich bisher noch nichts zum Calvin-Jahr 2009 geschrieben habe.
Wie zu erwarten hat die evangelische Kirche einiges zum Calvinjahr angeboten. Es gibt Karten mit Calvin-Klischees, Calvin-Kulis (mit gelehrtem Inhalt), es wurde sogar ein Calvin-Spielfilm gedreht und auf Amazon wird man plötzlich mit Literatur über Calvin überschüttet, während man bis vor wenigen Monaten fast nichts bekam.
Zunächst einmal das Positive: seit vielen Jahren ist Calvins Standardwerk, die Institutio, wieder neu zu erwerben. Dass dieses Buch auf deutsch so lange vergriffen war, dürfte ein beredtes Zeugnis dafür sein, wie unpopulär Calvin in Deutschland ist. Um so erfreulicher, dass dieses wirkmächtige Werk wieder zu haben ist.

...

Ich weiß noch nicht ganz, was ich von dem Rummel halten soll - obwohl ich wie gesagt selbst Calvinist bin. Denn Calvin selbst hat nie viel Aufhebens um seine Person gemacht und hielt überhaupt nichts von Personenkult. Bisher scheint aber alles wirklich um seine Person aufgebaut zu sein, nicht um seine Lehre. Vielleicht gibt es am Ende des Jahres ein paar Menschen, die eine Biographie im Schrank stehen haben, vielleicht auch nur einen Aufkleber mit seinem Portrait oder den Kuli. Aber vielleicht ist der Rummel um die Person Calvins für manche auch ein Aufhänger, sich mit seiner Theologie zu beschäftigen. Aber welchen Nutzen hat das? Dem Bürgertum ist es immer wichtig, in möglichst vielen Bereich gerade genug Ahnung zu haben, um mitreden zu können. Also wird es den meisten reichen, wenn im Spiegel oder im Stern noch einmal kurz die wichtigsten Klischees bestätigt werden und jeder weiß, was er als Bürger von Calvin zu halten hat. Das Ganze wird dann noch auf abenteuerliche Weise mit drei Bruchstücken seiner Theologie zusammengeheftet und man weiß wieder genug, um mitreden zu können.

Und selbst, wenn jemand ernsthaft genug ist, sich eine Biographie vorzunehmen, weiß ich nicht, was er davon hat. Calvin war ein Mensch mit Fehlern, und kein Calvinist bezeichnet sich so, weil er damit einen Menschen ehren möchte. Vielleicht besorgt sich jemand aber auch die Institutio. Das wäre immerhin der intelligenteste Zugang, weil der Calvinismus sich durch die Institutio verbreitet hat und nicht als Personenkult.
Aber auch dann muss man sich fragen, welchen Nutzen es hat, wenn nun alle die Instituio lesen und dann die Theologie einer Einzelperson kennen. Gibt es nicht genug Theologen in der Kirchengeschichte, mit denen man sich beschäftigen könnte? Wieso sollte man sich diese Arbeit mit einem einzelnen Buch machen?

Die Antwort liegt im Wesen der Institutio: ich kenne kein zweites Buch zur Bibel, dass auf nur annähernd vergleichbarem Niveau exegetische und dogmatische Spitzenleistung präsentiert. Wer dieses Buch liest, wird in seinem theologischen Denken auf jeden Fall wachsen, ob er in allen Punkten Calvin zustimmt oder nicht. Er wird am Anfang vielleicht nicht jedes Argument verstehen, weil man erst mal lernen muss, was Auslegung alles leisten kann. Ich habe schon öfter gehört, dass Christen sich wünschen, mal systematisch die Grundlagen ihres Glaubens kennen zu lernen. Manche gehen dafür auf Bibelschulen oder besorgen sich zu allen möglichen Themen Bücher. Wäre die Institutio bekannter, wäre sie mit Sicherheit auch heute noch das Standardwerk im Bücherregal eines Christen. Eine vergleichbares theologisches Niveau kenne ich sonst nur von Augustinus.
Ein anderer Effekt der Institutio ist ihre Bibelzentrierung. Denn auch wenn der Name “Calvinist” so klingt, als stünden die Werke eines Menschen im Zentrum, sind sich alle Calvinisten darin einig - zumindest in der Theorie - dass ihre einzige Grundlage die Heilige Schrift ist.
Eine zweite Leseempfehlung von mir wären die Kommentare Calvins, von denen auch Kritiker bescheinigen, dass sie ein außergewöhnlich sicheres Textverständnis beweisen. Dieses Talent besaß Calvin schon vor seiner Bekehrung, denn auch als Kommentator klassischer Autoren machte er sich schon als sehr junger Mann einen Namen. Es ist teilweise unfassbar, mit was für einer Leichtigkeit und Souveränität er Texte begreift, an denen viele andere kaum durchsteigen.

Wir sind heute in der glücklichen Lage, dass viele von Calvins Schriften kostenlos im Internet verfügbar sind. Deswegen möchte ich am Ende noch eine kleine Linkliste vorstellen:

Die Institutio gibt es hier. Wer sie in einem Jahr durchlesen möchte, kann hier einsteigen. Auf dieser Seite kann man neben anderen Autoren auch Kommentare von Calvin lesen - allerdings auf englisch.

Vielleicht hat Calvin aber doch verdient, wenigstens soviel Aufmerksamkeit zu erhalten, damit sein von Legenden und Fehlurteilen entstellten Bild wenigstens vom gröbsten Unrat befreit wird. Er hatte nämlich das besondere Pech, vor allem durch die Schmähschrift eines erbitterten Gegners der Nachwelt bekannt zu werden. Auch wenn diese Schmähschrift üble Verleumdungen enthielt, haben sich Teile aus ihr fest in das bürgerliche -und auch christliche - Bewusstsein eingegraben. Eine erste Lektüre könnte die Seite http://www.reformiert-info.de, sein.
Ein ganz witziger Einstieg ist der Test “Wie calvinistisch sind Sie?“, der dort neben vielen anderen Texten angeboten wird.

Eine auf den ersten Blick hochwertige Mischung aus Primär- und Sekundärtexten findet man unter johannescalvin.de.

Aktive Calvinistische Blogs sind

http://kvetterli.blogspot.com/
http://soulshappiness.wordpress.com/
http://www.lebensquellen.de/

Deutsche calvinistische Verlage sind der 3L-Verlag und der Reformatorische Verlag Beese.

Da der Calvinismus z.Zt. noch eine fast rein akademische Theologie ist, die in der Bevölkerung kaum bekannt ist, ist es naturgemäß schwierig, calvinistische Gemeinden zu finden, weil sich die Theologen dort nur gegenseitig auf den Füßen stehen würden. Erste Versuche gibt es in Basel, in Winterthur, in Gießen, geplant ist eine Gemeinde in Heidelberg (vom Autor des Blogs “lebensquellen.de").
Im Gegensatz zu Luthers Reformation, die sehr stark unter Mithilfe der deutschen Fürsten vonstatten ging, war der Calvinismus fast immer eine Bewegung, die sich unabhängig von Machtstrukturen und oft sogar gegen sie entwickelt hat. Die bekanntesten Verfolgungen von Calvinisten war die der Hugenotten, den französischen Calvinisten. Die Puritaner waren die englischen Calvinisten, die vor den Verfolgungen in England nach Amerika auswanderten und dem Land bis heute seine Prägung gegeben haben.
Die Entwicklung der Demokratie in England wäre ohne die calvinistischen Independenten undenkbar gewesen und es sperrt sich bis heute gegen alle Vorurteile, dass gerade der Calvinismus, dem so viel Sittenstrenge nachgesagt wird, so viele Freiheiten hervorgebracht wurden.

Aber bei allem, was sich sicherlich interessantes an Calvin und dem Calvinismus entdecken lässt, sollte man sich nicht von der Institutio ablenken lassen. Wer Calvins Theologie kennen lernen möchte, wird keinen besseren und ehrlicheren Zugang finden, als die Institutio direkt zu lesen.

Edit: gerade lese ich, dass der Calvinismus, während hierzulande kaum jemand etwas von dem Calvinjahr mitbekommt, sich in China zu einer ernstzunehmenden Größe entwickelt.

2 Kommentare

Kommentar von: Hartmut [Besucher] E-Mail
HartmutCalvin wird aber im Einklang mit heutigem ahistorischem Bewusstsein oft als Monster gesehen. Die Reihe "radioWissen" des Bayer. Rundfunks brachte vor nicht langer Zeit ein Portrait des Reformators, das ihn zum großen Teil als jähzorniges und rachelüsternes Monster präsentierte, welches vor den rigidesten Strafen nicht zurückschreckte. Schon die geringste Untat sollte mit "Ersäufen" bestraft werden im Genfer Gottesstaat. Nur in 2 Fällen geboten diesen drakonischen Maßnahmen die Räte Einhalt. 3 Knaben wurden nur tüchtig verprügelt statt im Fluss ersäuft. Den anderen Fall habe ich vergessen. Die Theologie ist sicher gut, doch war Calvin ohne jeden Zweifel ein Kind seiner Zeit.
Ein Gottesstaat - auch mit genauer Kenntnis der Bibel - lässt sich eben bei den Menschenkindern nicht verwirklichen, da dieser zu sehr dem Fallgesetz der Sünde unterworfen ist.
05.06.09 @ 22:30
Kommentar von: Moorwackler [Mitglied] E-Mail
MoorwacklerBei diesen Schauergeschichten muss man immer sehr genau auf die Quelle achten, denn es gab im Falle Calvins ein Schmähwerk, das ein persönlich erbitterter Gegner veröffentlicht hat. Dieses mehrere hundert Seiten starke Buch enthält faustdicke Lügen und Verdrehungen und prägt das Calvinbild breiter Bevölkerungsschichten bis heute.
Faktisch war Calvin nichts als eine graue Eminenz, er hatte kein politisches Amt inne, der Rat, musste ihn daher auch nicht "stoppen".
Was du über das "ahistorische Bewusstsein" schreibst, ist sicher richtig. Mir fiele es relativ leicht, eine Sammlung von schaurigen Anekdoten über unsere Zeit zu schreiben, die späteren Generationen das Gruseln lehrt (man müsste nur mal eine Spätabtreibung detailliert beschreiben, und das wären noch nicht einmal peinliche Einzelfälle...).
Ein Gottesstaat war Genf sicher nicht, und es war auch nicht der Beweis dafür, dass ein christlicher Staat nicht funktionieren kann, wie man es im Geschichtsunterricht immer wieder hört. Genf war eine ordentlich verwaltete Stadt, die nur die eine Besonderheit hatte, dass ein Jahrtausendgenie in ihren Mauern wohnte, dass großen, vielleicht zu großen, Respekt und Einfluss hatte, weil sein Rat in jeder Hinsicht sehr gefragt war. Dies führte dazu, dass die Gesetze zu streng wurden.
In meinen Augen zeigt das allerdings vor allem, wie wichtig es ist, die geistliche Führung der Herzen und die politische Führung der Menschen durch Gewalt zu trennen. Eine Gesellschaft, in der die Politik die Aufgabe der Kirche übernimmt, wird zur Diktatur. Wenn die Kirche die Politik dominiert ebenfalls.
Aber dieser Grundsatz gilt nicht nur für das Christentum, sondern für alle Religionen. Z.B. beobachte ich bei den Grünen und linken Parteien eine starke Aufwertung des Staates, die seine Rolle weit über die des bloßen Bestrafens und Belohnens hinaushebt: Der Staat soll die ethische Bildung der Schüler übernehmen, er soll das "Bewusstsein" der Bürger entwickeln etc... und nach und nach alle Funktionen übernehmen, die eine gut funktionierende Gesellschaft an Kirche und Familie delegiert.
Das Problem ist also die fehlende Aufgabenteilunge zwischen der Regierung des inneren und des äußeren Menschen. Die war bei Calvin nicht gewollt und entwickelte sich einfach durch seine besondere Begabung. Bei den grünen und roten Parteien ist sie Programm und gewollt. Deswegen gibt es Staaten, die zwar nach Gottes Geboten ausgerichtet sind aber sehr viele Freiheiten bieten, aber es gibt keine linken Staaten mit vielen Freiheiten.
08.06.09 @ 12:20

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Bei uns in Deutschland sind die sympathischen Konservativen in der Regel Wertkonservative, die die Werte des christlichen Abendlands gegen den postmodernen Zeitgeist bewahren möchten … in den USA gibt es Konservative, die für einen Compassionate Conservatism also für einen mit den Armen "mitfühlenden Konservatismus" stehen ... und dort gibt es auch eine immer größer werdende Gruppe von wiedergeborenen Christen, die für ihr Land und ihre Regierung beten sowie für eine christlich fundierte Politik eintreten ... nennen wir sie einfach TheoKonservative oder kurz theocons. Wir, die Blogger von theocons.de sehen uns nicht unbedingt als konservativ im altdeutschen Sinne, sondern als deutsche amerika- und israelfreundliche Christen, die politisch interessierte Menschen in Deutschland wieder neu für den dreieinigen Gott, christliche Werte und ein biblisch fundiertes christliches Menschenbild als Grundlage für eine gute Politik gewinnen wollen.

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