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Prüderie wird in unserem Kulturkreis unhinterfragt mit dem Christentum in Verbindung gebracht. Dass dies aber schon auf den zweiten Blick nicht mehr möglich ist, weiß jeder, der ein wenig mit dem Sprachgebrauch der Bibel vertraut ist. Hier werden in den Heiligen Schriften ohne Schamgefühl Worte wie “Schenkel", “Brüste", “Mutterleib” etc… regelmäßig verwendet. Heute wäre es nicht nur in Kirchen sondern auch in politischen Reden oder bei festlichen Anlässen eher ungehörig, den Körper sprachlich allzu deutlich abzubilden. Nur Proleten zeigen ihre Muskeln unter engen T-Shirts und sprechen gerne und viel über das, was die Kleidung verhüllen soll. Der normale Bürger empfindet diese Offenheit als unpassend. Und zwar nicht aus religiösen Gründen, sondern einfach, weil es eine bestimmte gesellschaftliche Zugehörigkeit ausdrückt. Es scheint also eine historische Entwicklung gegeben zu haben, die im Bürgertum dazu führte, dass der Körper und die enthüllende Sprache peinlich berühren.
Der folgende Wikipedia-Artikel legt den Verdacht nahe, dass die eigentliche Quelle der Prüderie gar nicht die Bibel ist (diese Vorstellung kann man wie gesagt leicht selbst revidieren, wenn man nur mal die entsprechenden Begriffe in einer Internet-Konkordanz nachschlägt), sondern die Aufklärung. Ob es stimmt, kann ich nicht abschließend beurteilen, aber nach meinem Kenntisstand strotzen die Schriften der Aufklärer tatsächlich nicht gerade vor Körperlichkeit, wie man das noch von biblischen Texten kennt.
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“Prüderie im engeren Sinne bezeichnet Scham, also die weitgehende Ablehnung der menschlichen Nacktheit und ist damit nicht gleichzusetzen mit der Gymnophobie als einer irrational erlebten Angst vor Nacktheit. Im weiteren Sinne bezeichnet Prüderie eine Geisteshaltung, die das Ziel hat, sexuelle Äußerungen jeglicher Art in der Öffentlichkeit und teilweise auch im Privatbereich weitestgehend auszuschließen. Dies betrifft vor allem die Darstellung oder auch nur Andeutung von Erotik in Ton- und Bildform, Mode, Medien, Literatur, historischen Zeugnissen, Konversation.
Entgegen der landläufigen Meinung, die Gründe für Prüderie lägen in der - insbesondere christlichen - Sexualethik, scheint das Bestreben, Sex zu reglementieren und Körper zu verhüllen nicht miteinander zu korrelieren. So gibt es im Alten Testament ein eigenes Buch, dass der Liebe zwischen Mann und Frau gewidmet ist und das oft eine sehr körperliche Ausdrucksweise pflegt (beispielsweise gibt es mehrere Redewendungen, in denen die „Schenkel“ enthalten sind, Zorn wird als „Pressen der Nase“ beschrieben etc…). Auch das Mittelalter war alles andere als prüde. Die alten Darstellungen der Hölle waren erfüllt von nackten Frauen, Taufen wurden teilweise gemeinschaftlich abgehalten, wobei mehrere in einem großen Taufbecken nackt zusammen saßen. Prüderie tauchte erst im 17. Jahrhundert auf und hatte weniger mit Sex als mit dem Körper selbst zu tun. Das Verhüllen des Körpers sollte keinen Sex verhindern (was bei einem Bild ja auch wenig Sinn ergibt), sondern stigmatisierte den Körper als etwas Peinliches. Dieser Wunsch, den Körper zu verhüllen beschränkte sich daher auch nicht auf den Bereich der Erotik sondern auch auf den der Niederkunft oder sogar die Darstellung nackter männlicher Oberkörper, die es nur im Zusammenhang mit einfachen Arbeitern gab. Zeitlich und inhaltlich spricht einiges dafür, die Aufklärung als Erfinderin der Prüderie zu sehen. Durch sie erhielt der Verstand die Oberhand über alles Wilde und Natürliche, wozu eben auch der Körper gehört. Der aufgeklärte Mensch war zugeknöpft. Diese Fremdheit des Körpers führte dazu, dass Theologen im 17. und 18. Jahrhundert oft Schwierigkeiten hatten, das Hohelied der Liebe auszulegen und derbe Stellen im Alten Testament verhüllt übersetzt wurden. Heute bezeichnen die Begriffe „prüde“ und „Prüderie“ nicht die Vermeidung öffentlicher Darstellung des nackten Körpers sondern meistens bestimmte Formen der Sexualethik, die dadurch als zu eng beschrieben werden.”
Und wie sieht es heute aus? Kaum jemand käme auf die Idee, unsere Gesellschaft als “prüde” zu bezeichnen. Aber sie ist es. Das Bild vom proletenhaften Muscle-Shirt besteht unverändert. Und sind nicht die zahllosen Versuche, den eigenen Körper zu trimmen und durch kosmetischen Korrekturen jeden Makels zu berauben nicht eine abgewandelte Form der Prüderie? Niemand wagt es, seinen wahren Körper zu zeigen, solange er nicht einigermaßen an ein bestimmtes Bild angepasst ist. Ehrlich und offen wäre es vielmehr, den Leuten ihren alternden, schwabbeligen und deformierten Körper gnädig zu verhüllen aber gleichzeitig offen darüber sprechen zu dürfen. Und von diesem Zustand ist unsere Gesellschaft weiter entfernt denn je. Ja, wir sind prüde. Was sich geändert hat ist die öffentliche Wahrnehmung der Sexualität - nicht des Körpers, was ein großer Unterschied ist! Die Sexualität soll für jeden überall verfügbar sein. Das hat nicht zu einem entspannten Umgang mit dem Körper geführt sondern allein dazu, dass jeder seinen Körper in eine Schablone verwandeln muss, die öffentlich oder zumindest potentiell regelmäßig von fremden Menschen aus nächster Nähe betastet und betrachtet wird. Als ich Kind war, kannte man es nur von Schauspielerinnen und Foto-Models, dass man sich unter den Armen rasieren kann. Heute scheint es mir eher die Regel zu sein. Vermutlich hat kaum eine Gesellschaft vor uns so viel an ihrem Körper herumgebastelt wie unsere und dies in dem Selbstbild, wir hätten zu einem natürlichen Sexual- und Körper-empfinden zurückgefunden…
Tatsächlich haben wir ein neues Korsett für unseren Körper erfunden, ein Korsett, dass grausamer ist als die hochgeschlossenen Blusen der vergangenen Jahrhundert und der langen Röcke. Es ist ein Korsett, dass direkt den Körper verändert und den nackten Menschen vom bloßen unterscheidet.
Möglicherweise hängen die Sexualisierung und die Prüderie sogar sehr eng zusammen: durch das Tabuisieren des Körpers wird er interessanter als er vielleicht ist. Das Gleiche gilt für die Verklärung des makellosen Körpers, so wie wir ihn sehen. Denn so viel nackte Haut wir heute zwar auf normalen Buchrücken und in der Werbung auch wahrnehmen, es handelt sich immer um makellose Haut. Richtige Körper werden uns dort nicht zugemutet. Die erotische Dauerpräsenz von vollkommenen Körpern ist die direkte Fortsetzung der Tabuisierung und befriedigt eben den Reiz, den diese geweckt hat. Mit wirklichen Körpern hat das wenig zu tun. Geradezu grotesk wirkt diese Entwicklung, wenn man sich den Altersdurchschnitt der Deutschen ansieht. Der durchschnittliche Körper ist nämlich todverfallen und hässlich. Das ist die nackte Wahrheit.
Wahrscheinlich wird es auch für uns Christen eine Weile dauern, bis wir auf der Grundlage der Heiligen Schrift wieder zu einem befreiten Verhältnis zu unserem Körper gelangen. Wir werden ihn auch weiter verhüllen und anderen gnädig ihre Hüllen lassen. Aber wir werden vielleicht irgendwann in Sprache und Umgang den Körper wieder als das wahrnehmen, was er ist: ein Teil der gefallenen Schöpfung, Krankheit, Alter und Tod ausgeliefert und doch etwas, womit Gott uns eine Menge Spaß ermöglicht. Nicht mehr und nicht weniger.