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Der Kapitalismus ist der Glaube an die unsichtbare Hand des Marktes, die aus eigennützigen Entscheidungen den Nutzen für alle schafft. Hier wird aber bezeichnenderweise ergänzt: der Staat muss aber auf die Einhaltung der Spielregeln achten!
Nach einem ähnlichen Muster soll auch eine multikulturelle Gesellschaft funktionieren: alle sollen leben, wie sie wollen, solange sie sich an die Gesetze halten.
Beides ist naiv, wie man sehr leicht zeigen kann: in der Ethik gibt es nämlich kein gutes oder schlechtes Verhalten, sondern nur gute oder schlechte Menschen.
Wenn jemand seinem Freund in die Nase kneift, kann man nicht sagen, ob das Verhalten gut oder böse ist. Tut er es, um seinen Freund zu ärgern, ist es verwerflich, will er damit aber Kinder im Krankenhaus aufmuntern, ist es edel. Entscheidend ist also offensichtlich die Motivation. Und auch hier muss man weiter fragen: wieso hat er diese Motivation? Will er sich selbst in dem Gefühl weiden, ein guter Mensch zu sein? Will er seine Chancen auf eine Beförderung verbessern? Will er die Kinder glücklich machen?
Dieses Zurückfragen führt zu keinem Ende, bzw. es endet irgendwo in den Tiefen unserer Persönlichkeit. Aus diesem Grund kann man sagen: es gibt nur gute oder schlechte Menschen, oder wie Jesus es sagte “Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein schlechte Baum nur schlechte Früchte hervor” (sinngemäß zitiert).
Dieser Umstand bedeutet aber auch, dass man Ethik nicht sinnvoll betreiben kann. Man kann aus Prinzip keine Regel für gutes Verhalten erstellen, und das ist ja irgendwie das Ziel der Ethik.
Jede ethische Regel lässt sich mit etwas Übung leicht austricksen.
Wenn man aber keine Ethik formulieren kann, kann man sie auch nicht positivistisch in Gesetzesform bringen! Ein Gesetz, das den Anspruch hat, alle Verbote ausdrücklich zu benennen, scheitert aus grundsätzlichen und zwingenden Überlegungen, denn vermeintliche juristische Lücken gehören hier in Wahrheit zum System. Meines Wissens hat man den Versuch des Rechtspositivismus auch aufgegeben.
Ganz besonders heikel wird dieser Umstand aber erst, wenn man unter diesen juristischen Umständen ausdrücklich den Wert des Eigennutzes lehrt, solange er sich innerhalb der juristischen Grenzen abspielt.
Ein Beispiel: in Berlin gibt es Autowäscherbanden, deren Mitglieder das Verkehrschaos der Hauptstadt nutzen, um die Scheiben der wartenden Autos zu reinigen - ob man will oder nicht. Anschließend werden die Fahrer natürlich zur Kasse gebeten. Wenn die Polizei kommt, verschwinden sie, aber rechtlich kann man wohl nicht viel gegen sie machen, weil unser Recht so eine Form der Kriminalität einfach noch nicht kennt. In anderen Ländern ist das Vorgehen durchaus üblich.
In der Wirtschaft sind die Beispiele von nicht-belangbarem Fehlverhalten etwas besser dokumentiert, weshalb ich mir hier die Aufzählungen von Beispielen spare.
Einen Ausweg bietet nur ein Rechtssystem, dass den Rückgriff auf seine zugrundeliegende Weltanschauung nicht scheut und seine Gesetze als Rechtsprinzipien versteht, so wie es im Alten Testament mit den Fallgesetzen praktiziert wurde.
Ich bin trotzdem für eine freie Marktwirtschaft und für die Trennung von Kirche und Staat, aber das begründe ich aus Platzgründen in anderen Beiträgen.