| « Gab es einen urkirchlichen "Kommunismus"? | Die vier kleinen Weisen » |
In Geschichtsbüchern wird die Reformation in der Regel als Unterpunkt der Renaissance abgehandelt. Von dieser habe sie die Idee gehabt, zurück zu den Wurzeln zu gehen und, ja, irgendwie “individuell” zu denken - was auch immer das heißen soll.
Tatsächlich waren sowohl Renaissance als auch die Reformation zwei Bewegungen, die das “Mittelalter” (wie die Renaissance diese Zeit herablassend verunglimpfte) beenden wollten, dabei aber entgegengesetzte Wege beschritten.
Das Mittelalter zeichnete sich durch ein sehr philosophisches Christentum aus. Man schätzte durchaus antike Autoren, soweit sie dem Christentum nicht offensichtlich widersprachen und das ganze Denken war stark durchwebt von antik-heidnischem, volkstümlich-abergläubischen und christlich-biblischem Denken.
Die Renaissance wollte diesen Knoten zerschlagen, indem sie sich von christlichen Einflüssen befreite und die Antike wiederbelebte.
Die Reformation hingegen wollte genau zu den anderen Quellen zurück: der Bibel.
In der Öffentlichkeit weniger beachtet war die Hinwendung zum volkstümlichen Aberglauben (ich habe in manchen Beiträgen schon darauf hingewiesen), weil sie die Geistesgeschichte nicht so sehr beeinflusste, sondern bestenfalls in den Hexenverfolgungen mal unübersehbar wurde. Diese Bewegung scheint erst jetzt in unseren Tagen ernsthafte Verbreitung zu finden, und sie zeigt sich in der Hinwendung nicht zu den antiken Wurzeln unserer Kultur sondern zu ihren vorchristlichen, “natürlichen".
Die Renaissance verändert nicht nur die Kultur (Architektur, Malerei, Literatur), sie schuf auch eine neue Wahrnehmung der Welt, insbesondere die Schönheit von Landschaften. Menschen wurden jetzt realistischer gemalt und nicht mehr als steife, flächige Geistwesen. Aber es entstand auch eine Eitelkeit, die vorher verpönt gewesen wäre, und es bildete sich der Spott als öffentliches Mittel der legitimen Demütigung heraus. Burckhard (Autor des Klassikers “Kultur der Renaissance") hält beides für die notwendige Begleiterscheinung des vermeintlich erwachenden “Individualismus". Auf jeden Fall war es eine Begleiterscheinung der Abwendung vom Christentum, denn individuelle Sorgen und Wünschen gab es auch vorher. Individualismus kann nicht viel mehr bedeuten als die Abkehr von Gott.
Aber was die Renaissance nicht hervor gebracht hat - auch wenn immer wieder das Gegenteil zumindest angedeutet wird - war die Wissenschaft. Wie sollte sie auch, wo doch die Antike selbst keine Naturwissenschaft hervorgebracht hatte?
Die entstand erst durch die Reformation. Durch sie wurde ein neuer Blick auf die Natur geboren, der nicht mehr nur von ästhetischen Interessen geleitet war, sondern in der Natur die Weisheit Gottes sah und suchte. Hier lag die Entstehung nicht nur der Wissenschaft, das wäre viel zu dürr formuliert, es war eine regelrechte Naturbegeisterung, wie man sie sonst in ganz wenigen Kulturen findet (Humboldt nennt als ein weiteres Beispiel interessanterweise noch manche “hebräischen” Psalmen als Zeichen für Naturbegeisterung).
Und erst jetzt entstand eine Bewegung, die alle Bevölkerungsschichten erfasst, im Gegensatz zur Renaissance, die immer ein Hobby der Elite blieb. Leider hat Luther im Bauernaufstand dann der Mut verlassen, und er erkannte selbst nicht das revolutionäre Potential, das in seiner Entdeckung lag. Aber es wäre wohl auch übertrieben, die Reformation auf das Wirken Luthers zu beschränken.
Burckhard (Autor des Klassikers "Kultur der Renaissance") hält beides für die notwendige Begleiterscheinung des vermeintlich erwachenden "Individualismus".